Avgas oder Mogas? Unsere Sicht auf den Betrieb von Solo-Motoren
Die Frage nach dem „richtigen“ Kraftstoff für Solo-Motoren wird seit Jahren kontrovers diskutiert. Anlass für diesen Beitrag ist eine aktuelle Empfehlung eines Flugzeugherstellers, Avgas als bevorzugten Kraftstoff zu verwenden. Wir möchten hierzu unsere technische Einschätzung aus Sicht der Motoreninstandhaltung und des praktischen Flugbetriebs geben.
Zunächst möchten wir klarstellen, dass wir keine Aussage über die Verträglichkeit bestimmter Kraftstoffe mit Kraftstofftanks, Kraftstoffsäcken, Leitungen, Dichtungen oder anderen Bauteilen einzelner Flugzeughersteller treffen. Wir bewerten weder Konstruktionen noch Materialauswahl anderer Hersteller. Unsere Betrachtung beschränkt sich ausschließlich auf die Auswirkungen verschiedener Kraftstoffe auf den Motor selbst.
Der entscheidende Nachteil von Avgas: Blei
Avgas 100LL enthält weiterhin Tetraethylblei. Auch wenn der Bleigehalt gegenüber früheren Kraftstoffen reduziert wurde, bleibt Blei ein unerwünschter Bestandteil für moderne Flugmotoren, die für bleifreie Kraftstoffe zugelassen sind.
Aus unserer langjährigen Erfahrung mit Solo- und Rotax-Motoren finden sich bei nahezu jedem Motor, der über längere Zeit überwiegend mit Avgas betrieben wurde, deutliche Bleirückstände. Diese Ablagerungen entstehen unter anderem an Zündkerzen, im Brennraum, an Kolben und insbesondere in den Kolbenringnuten. Die Folge können schwergängige Kolbenringe, schlechtere Verbrennungseigenschaften, erhöhter Wartungsaufwand und langfristig ein gesteigerter Verschleiß sein.
Besonders kritisch sehen wir diesen Effekt bei den im Segelflug verwendeten Zweitaktmotoren (Solo und Rotax). Bei einem Zweitaktmotor strömt das Kraftstoff-Luft-Gemisch zunächst durch das Kurbelgehäuse und dient dort gleichzeitig der Schmierung sämtlicher Kurbelwellen- und Pleuellager. Das im Avgas enthaltenen Blei lagert sich auch hier ab. Rückstände gelangen damit nicht nur in den Brennraum, sondern auch an die für die Lebensdauer des Motors entscheidenden Lagerstellen.
In der Praxis finden sich bei Zerlegungen regelmäßig Bleiablagerungen im Kurbelgehäusebereich sowie an Lager- und Schmierstellen. Diese Ablagerungen können die Schmierbedingungen verschlechtern und tragen nach unserer Erfahrung zu vorzeitigem Verschleiß und Lagerschäden bei. Gerade bei Motoren, die konstruktiv für den Betrieb mit bleifreiem Kraftstoff ausgelegt und zugelassen sind, erscheint die dauerhafte Verwendung eines bleihaltigen Kraftstoffs daher wenig sinnvoll.
Wer regelmäßig Solo-Motoren instandsetzt und Schadensbilder analysiert, erkennt immer wieder denselben Zusammenhang: Motoren mit langjährigem Avgas-Betrieb weisen häufig deutliche Bleiablagerungen auf, während vergleichbare Motoren mit überwiegendem Mogas-Betrieb deutlich sauberere innere Bauteile zeigen.
Nicht alles, was für die Kraftstoffanlage relevant ist, ist auch für den Motor sinnvoll
Häufig werden mögliche Probleme ethanolhaltiger Kraftstoffe als Argument für Avgas angeführt. Tatsächlich kann Ethanol bei bestimmten älteren Kraftstoffsystemen oder nicht dafür ausgelegten Komponenten zu Herausforderungen führen.
Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass Avgas für den Motor die bessere Wahl ist.
Sollte ein bestimmtes Kraftstoffsystem empfindlich auf Ethanol reagieren, muss dieses Thema an der Kraftstoffanlage bewertet werden. Daraus kann aber keine allgemeine Empfehlung für bleihaltigen Kraftstoff für den Motor abgeleitet werden. Für den Motor selbst bleibt Blei ein unerwünschter Betriebsstoff.
Langjährige positive Erfahrungen mit Superbenzin
In zahlreichen Flugzeugen von DG und LS wurden über Jahrzehnte erfolgreich bleifreie Ottokraftstoffe gemäß den jeweiligen Betriebs- und Wartungsvorschriften verwendet.
Sofern Flugzeug- und Motorhandbuch dies zulassen, sollte vorzugsweise Mogas (wie Avgas 0% Ethanolanteil) oder alternativ Superbenzin mit bis zu 5 % Ethanolanteil (E5) verwendet werden. Die praktischen Erfahrungen zeigen, dass bei sachgemäßer Lagerung und Einhaltung der Herstellervorgaben ein zuverlässiger Betrieb möglich ist.
Auch die Umwelt sollte berücksichtigt werden
Ein weiterer Aspekt ist die Umweltverträglichkeit. Avgas 100LL gehört heute zu den wenigen verbleibenden verbleiten Kraftstoffen weltweit.
Während bleihaltige Kraftstoffe im Straßenverkehr seit Jahrzehnten verschwunden sind, wird in Teilen der Luftfahrt weiterhin bewusst Blei emittiert. Wo technisch möglich und vom Hersteller freigegeben, erscheint der Einsatz bleifreier Kraftstoffe daher auch aus Umweltgesichtspunkten sinnvoll und zeitgemäß.
Unser Fazit
Avgas ist ein zugelassener und verfügbarer Kraftstoff, der insbesondere dort seine Berechtigung hat, wo kein geeigneter bleifreier Kraftstoff verfügbar ist.
Für Motoren, die ausdrücklich für bleifreie Kraftstoffe freigegeben sind, halten wir Avgas jedoch nicht für die optimale Wahl. Die bekannten Bleiablagerungen, der zusätzliche Wartungsaufwand sowie die Umweltbelastung sprechen aus unserer Sicht gegen eine generelle Empfehlung von Avgas.
Deshalb empfehlen wir bei Solo- und Rotax-Motoren grundsätzlich die Verwendung eines geeigneten, vom Hersteller freigegebenen bleifreien Kraftstoffs. Avgas sollte aus unserer Sicht die Alternative bleiben, nicht der bevorzugte Standardkraftstoff.
